Mit Normen und Standards hoch hinaus!

Dass Normen und Standards unser Leben sicher und einfacher machen, merkt man erst, wenn sie fehlen. Dass sie ein international angewendetes Universalinstrument sind und, dass man Normung aktiv mitgestalten kann, ist vielen nicht bewusst. Man kann sagen, Normen und Standards sind die lingua franca unseres Alltags, unserer Maschinen, Produkte und Dienstleistungen. Die Europäische Kommission hat kürzlich in ihrer neuen EU-Normungsstrategie den hohen strategischen Nutzen der Normung aufgezeigt und auf ein neues politisches Niveau gehoben.

Normung und Innovation

Normung ist ein Instrument, das in keiner Unternehmensstrategie fehlen darf, insbesondere bei innovativen Aktivitäten eines Unternehmens sollte Normung von Anfang an mitgedacht werden – und zwar vom Ende. Folgende Fragen sollte man sich stellen: Welche Zulassungskriterien muss mein Produkt, meine Dienstleistung erfüllen? Benötige ich eine Zertifizierung? Welche Normen und Standards gibt es schon zu meinem Produkt? Kann ich auf dieses Wissen aufbauen, oder benötige ich einen neuen Standard, eine neue Norm? Wo kann ich mich einbringen? Welche Gremien gibt es in den relevanten Normungsorganisationen? Die unternehmerische Praxis belegt, dass der Nachweis einer Norm oder eines Standards gerade für innovative Produkte den Marktzugang signifikant erleichtern.

Mit Normung am Puls der Zeit

Zahlreiche neue Technologien und Geschäftsmodelle funktionieren ohne Normen und Standards schlicht und ergreifend nicht. Bei näherer Betrachtung einiger Megathemen wie z.B. Künstliche Intelligenz oder Circular Economy wird das sehr schnell klar. Wollen wir Interoperabilität und Vielfalt, brauchen wir Normen und Standards.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie allumfassend die aktuellen Themen der Normung sind – über verschiedene Branchen entwickeln sie ihre Wirkung. Allein in der Circular Economy werden sieben Branchen genannt, die durch die neue Art zu wirtschaften vor einem radikalen Wandel stehen: Elektrotechnik & IKT, Batterien, Verpackungen, Kunststoffe, Textilien, Bauwerke & Kommunen und Digitalisierung/Geschäftsmodelle/Management. Umso wichtiger ist es als Unternehmen hier auf dem Laufenden zu bleiben und die Chance zu ergreifen die Regeln, die hier neu entstehen, mitzugestalten.

Mit Normung gesetzliche Vorgaben erfüllen

Circular Economy ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie eng die Verflechtungen zwischen Normung und Politik sind. Ein Hauptpfeiler des Green Deal der Europäischen Kommission ist die Circular Economy. Ebenfalls auf europäischer Ebene plant die Kommission einen „digitalen Produktpass“ einzuführen. Dieser soll Informationen über die Zusammensetzung europäischer Waren enthalten und so deren Chance auf Wiederverwendung und Recycling erhöhen. Die politische Richtung ist also vorgegeben – die Umsetzung kann zum Teil durch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft mit Normung vollzogen werden.

Megathemen – der Blick in die Zukunft

In einem Foresight Prozess identifiziert DIN die Megathemen der Zukunft und bewertet sie- auch im internationalen Kontext. Eine Gemeinsamkeit teilen diese Themen oft: Es handelt sich, wie am Beispiel Circular Economy gezeigt, um Querschnittsthemen, die über Branchen hinweg Veränderungen bringen. Diese Tatsache macht es gerade für Mittelständler nicht einfacher, den Überblick über das Normungsgeschehen zu wahren. Auch die Normung schafft neue Organisationsstrukturen, um diese Querschnittsthemen über die bestehenden Bereiche abbilden und bearbeiten zu können.

Normungsroadmap – Kompass für Megathemen

Ein zentrales Instrument für die Orientierung aller interessierten Kreise bei branchenübergreifenden Themen sind Normungsroadmaps, die das Prinzip der Normung auf eine breitere Ebene bringen. Normungsroadmaps geben einen Überblick über Bestehendes und über neue Bedarfe in der Normung. Sie legen den Fahrplan für die weitere Normung in einem Themengebiet fest. Alle Interessierten Kreise können sich kostenfrei an der Erstellung der Roadmap beteiligen. Vor einigen Monaten ist so die Normungsroadmap zu Künstlicher Intelligenz erschienen. Ziel ist es, mit Normen und Standards das Vertrauen in und die Akzeptanz von KI in Wirtschaft und Gesellschaft zu stärken. Das betrifft insbesondere die Qualität, Sicherheit, Transparenz und Verlässlichkeit von KI-Anwendungen. Durch Normung und Standardisierung haben insbesondere auch deutsche Mittelständler die Chance, über offene Schnittstellen und einheitliche Anforderungen Zugang zum globalen Markt zu erhalten und sich mit ihren Ideen auf Augenhöhe mit großen, internationalen Playern erfolgreich zu positionieren.

Monitoring der Zukunft für den Mittelstand

Um den Mittelstand zu den Querschnittszukunftsthemen auf dem Laufenden zu halten haben Mitglieder der Kommission Mittelstand, die zentrale Plattform bei DIN für den Mittelstand, ein individualisierbares early warning System erarbeitet – der Normungsmonitor. Hierbei handelt es sich um eine pragmatische Lösung für Verbände und KMU, die in Form eines ad hoc Mailings themenspezifisch und maßgeschneidert einen Überblick über aktuelle Entwicklungen in der Normung und Standardisierung zu ausgesuchten Schlagworten liefert. Dieses Tool erleichtert es, Nutzern die Teilthemen oben beschriebener Megathemen zu beobachten und schafft so die Möglichkeit, zum richtigen Zeitpunkt in die Normung einzusteigen und/oder ggf. die eigenen Produkte und Dienstleistungen an neue Standards rechtzeitig anzupassen.

Gemeinsam die Zukunft gestalten

Weitere Megathemen in der Normung zeichnen sich schon heute am Horizont ab, und eine entscheidende Frage wird dabei lauten: Wie schaffen wir es bei zunehmender Komplexität und Fülle an Themen kleine und mittlere Unternehmen weiterhin in die Normung einzubeziehen? Wie können wir die Normen und Standards so formulieren, dass sie auch für KMU in der Praxis anwendbar bleiben? Der Mittelstand hat bei DIN mit der KOMMIT eine zentrale Stelle, die sich mit diesen und weiteren mittelstandsrelevanten Fragen befasst. Interessierte Kreise, die KMU oder KMU-Verbände oder KMU-Plattformen vertreten, sind herzlich eingeladen in der KOMMIT über die Zukunft des Mittelstands in der Normung mitzudiskutieren und sich mit Vorschlägen einzubringen.

Alexandra Horn

  • ZUR PERSON

    Seit August 2019 ist Alexandra Horn Leiterin für Mittelstandsförderung bei DIN. Frau Horn setzt sich dafür ein, dass KMU einen leichteren Zugang zu Normung und Standardisierung erhalten und sich aktiv in die Prozesse einbringen. Frau Horn war zuvor Leiterin für Verbandskooperationen und Projekte beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft und hat dort öffentlich geförderte Projekte akquiriert und geleitet, u.a. als Konsortialleiterin des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Berlin. In früheren beruflichen Stationen hat sie als Public Affairs Consultant Konzerne und Verbände in Brüssel im Bereich Pharma, Verbraucherschutz und Mittelstandspolitik beraten. Sie hat an den Universitäten Heidelberg, Montpellier und Madrid Geschichte, Französisch und Spanisch studiert und mit dem Ersten Staatsexamen ihr Studium abgeschlossen.

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