GASTKOMMENTAR: DIE 7 SCHRITTE DER FMEA

Gastbeitrag von Martin Werdich: 7 Schritte der FMEASeit Ende November liegt der Gelbband zur harmonisierten FMEA-Methodik vor. VDA und AIAG verfolgen damit das Ziel, ihre bisher unterschiedlichen Vorgaben in einem gemeinsamen Standard weltweit zu vereinheitlichen. Martin Werdich, Geschäftsführer und FMEA-Methodentrainer an der FMEAplus Akademie, führt im nachfolgenden Beitrag durch die  Schritte der neuen FMEA-Methodik und stellt ihre jeweiligen Ziele vor.

Martin Werdich: Wenn wir, die FMEAplus Akademie, von einer „modernen FMEA“ sprechen, ist damit eine präventive Produkt- oder Prozessanalyse gemeint, die deutlich über die ursprüngliche FMEA im Formblatt hinausgeht. Ziel ist es, den dafür benötigten Aufwand zu reduzieren und gleichzeitig den Nutzen zu erhöhen. Für die vollständige Erstellung einer präventiven Produkt- oder Prozessanalyse mittels FMEA-Methoden nach Stand der Technik, empfehlen wir es, die 7 Schritte anzuwenden. Hierzu gibt es kaum veröffentlichte Unterlagen, doch der neue VDA/AIAG Gelbdruck nähert sich unseren Vorstellungen zur FMEA-Methodik in vielen Belangen deutlich an.

SCHRITT 1: VORBEREITUNG/SCOPING

In den letzten Jahren haben wir das Vorgehen des VDA als Leitlinie für eine vollständige und gute Analyse in der täglichen Praxis zu schätzen gelernt. Das gilt übrigens auch für Analysen, die wir für viele andere Branchen und Einsatzgebiete durchführten. Hierbei sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass die Vorbereitung und die Nachbereitung bzw. die Präsentation der Ergebnisse weitere extrem wichtige Schritte darstellen. Auch der VDA wird künftig den 1. Schritt „Scoping“ nennen und beschreiben.

In diesem Schritt werden das Ziel, das Team, die Meilensteine, die Kataloge, die Schnittstellen, die verwendete Methodik, der Umfang, die Betrachtungstiefe sowie weitere Definitionen festgelegt. Als Analysebasis für diesen Schritt 1 hat sich ein sogenanntes Kickoff-Protokoll bewährt, anhand dessen das Scoping durchgeführt werden kann.

Die Ziele der Vorbereitung sind:

  • Bewusstmachung des Aufwands
  • Reduktion des Arbeitsumfangs
  • Grundlage und Umfang der Analyse

SCHRITT 2: STRUKTURANALYSE

Die Strukturanalyse bildet den Aufbau des Produktes/des Prozesses ab. Die einzelnen Systemelemente dienen als Aufhänger für die definierten Funktionen und um die hierarchischen Zusammenhänge zu verstehen. Die Strukturanalyse hilft, die Übersicht über die FMEA zu bewahren, in ihr einfach und schnell zu navigieren. Außerdem visualisiert sie die in Schritt 1 definierte Betrachtungstiefe sowie die Umfänge.

Die Ziele der Strukturanalyse sind:

  • Übersicht über Projekt und Struktur
  • Schnelles Navigieren in der Analyse

SCHRITT 3: FUNKTIONSANALYSE

Die Funktionsanalyse wird parallel mit der Strukturanalyse erstellt. Dabei werden aus Anforderungen, Lastenheft und Erfahrungswerten Funktionen des zu betrachtenden Systems abgeleitet. Diese werden anschließend weiter detailliert und auf Subsysteme, Baugruppen und Bauteile heruntergebrochen. Durch die hierarchische Vernetzung der Funktionen entsteht eine Vollständigkeit auf allen Ebenen und das Produktverständnis aller Beteiligten wächst durch die dokumentierte Kommunikation. Die Ursachen-Folgen-Verwechslungen werden durch die Funktionsanalyse einerseits erheblich reduziert und gleichzeitig die systematische Fehlerfindung erheblich erleichtert.

Die Ziele der Funktionsanalyse sind:

  • Verständnis des Produktes/Prozesses
  • Vollständigkeit der Funktionen als Grundlage der Fehleranalyse
  • Ebenen verstehen und kommunizieren

SCHRITT 4: FEHLERANALYSE

Fehler werden systematisch aus jeder definierten Funktion abgeleitet und über die hierarchische Struktur hinweg miteinander verknüpft. So entstehen kausale Verknüpfungen zu Folgen-Fehler-Ursachen. Den Folgen wird jeweils die Schwere über die B-Bewertung zugeordnet. Diese wird durch „Bmax“ entlang der Fehlerverknüpfungen in die tieferen Ebenen vererbt.

Die Ziele der Fehleranalyse sind:

  • Vollständigkeit der möglichen Fehler, Folgen und Ursachen
  • Übersichtlichkeit durch grafische Darstellung der Netze

SCHRITT 5: MAßNAHMENANALYSE

Die Auftretenswahrscheinlichkeit jeder Ursache wird unter Berücksichtigung der aktuellen Vermeidungsmaßnahmen mit der A-Bewertung bewertet. Die E-Bewertung ist ein Maß für die rechtzeitige Entdeckungswahrscheinlichkeit einer aufgetretenen Ursache, Fehler oder Folge und wird unter Berücksichtigung der aktuellen Entdeckungsmaßnahmen bewertet.

Die Ziele der Maßnahmenanalyse sind:

  • Ermittlung des Ist-Risikos
  • Ermittlung der Maßnahmen-Abarbeitungs-Priorität (AP = Action Priority)

SCHRITT 6: OPTIMIERUNG

Durch die Bewertung der Risiken mittels B, A und E werden diese kategorisiert. Mittels AP-Einstufung wird die Priorität für weitere Maßnahmen getroffen. Diese werden dann erneut bewertet und mit den Attributen Verantwortlicher, Datum und Status belegt. Dieser Vorgang wiederholt sich solange, bis alle Risiken auf einem akzeptablen Niveau sind oder eskaliert werden müssen.

Die Ziele der Optimierung sind:

  • Ständige Verbesserung durch Maßnahmenverfolgung
  • Bewusstmachung des Risikos am Ende des Produktentstehungsprozesses (PEP)
  • Dokumentation des Entwicklungsfortschritts

SCHRITT 7: PRÄSENTATION (=NUTZEN)

Da die Ersparnis durch Fehler, die vermieden wurden, natürlich schlecht nachgewiesen werden kann, muss die Finanzierung von präventiven Aufwänden meist sehr gut argumentiert werden. Deshalb ist die abschließende Präsentation als Nutzenerzeugung sehr wichtig. Leider wird bei knappen Ressourcen die Prävention oft vernachlässigt. Somit ist der 7. Schritt der FMEA-Methodik als eine Art Marketing zu verstehen. Hier sollen managementtaugliche Übersichten generiert werden, um die Entscheider frühzeitig zu unterstützen und um eine lesbare, übersichtliche und versionierbare Dokumentation zu schaffen.

Die Ziele der Präsentation sind:

  • Übersicht für Entscheider über Projektrisiken
  • Grundlage von Entscheidungen
  • Versionierung

Portrait Herr Werdich

Dipl.-Ing. Martin Werdich

  • Zur Vita

    Dipl.-Ing. Martin Werdich absolvierte nach einer Lehre als Maschinenschlosser an der FH Weingarten sein Studium zum Maschinenbauingenieur. Er war mehrere Jahre als Entwickler und Projektleiter in renommierten Firmen tätig. Seit 2006 führt er ein Ingenieurbüro mit Fokus auf Moderation von FMEA-Projekten bei namhaften internationalen Konzernen. Des Weiteren ist er Geschäftsführer sowie FMEA-Methodentrainer und Coach bei der FMEAplus Akademie und hält Vorträge auf diversen Expertenforen.

    Martin.Werdich@FMEAplus.de
    www.werdichengineering.de
    www.fmeaplus.de/